Sony CineAlta Primes Test

VORWORT
Ich stecke mitten in den Dreharbeiten für mein bisher grösstes Projekt: Die Thriller-Serie Capelli Code. Die erste Staffel mit deutscher Starbesetzung – von Iris Berben über Klaus Maria Brandauer und Heike Makatsch bis Peter Lohmeyer – umfasst dreizehn Folgen à 45 Minuten.
Wir arbeiten an innovativen Ideen mit neuem Equipement, welches zum Teil noch nicht auf dem Markt ist. Sobald die erste Staffel abgedreht ist, werde ich hier im Blog über diese Tests und die Produktion schreiben.
Ich kann aber bereits über meine Objektivtests mit den Sony CineAlta SCL-PK6/M berichten. Beim Studiodreh werden wir mehrere Kameras gleichzeitig einsetzen. Wichtig ist dabei vor allem, dass wir einen einheitlichen Look kreieren. Das Objektivset mit sechs Objektiven ist in der Schweiz für insgesamt 8‘036.10 CHF erhältlich. Für PL Linsen dieser Art ein unschlagbarer Preis. Das freut natürlich auch die Produktionsfirma, vorausgesetzt, die Qualität stimmt. Und das tut sie: Die Tests haben mich überzeugt. Wir drehen Capelli Code nun mit den Sony CineAlta SCL-PK6/M.

Sony CineAlta SCL-PK6/M

OBJEKTIVE ALLGEMEIN
Es sind die einzelnen Linsen eines Objektives, deren Anzahl, Verarbeitung, und Grösse, die das einfallende Licht beeinflussen, bevor es auf den Sensor trifft. Deshalb unterscheiden sich nicht nur einzelne Brennweiten, sondern auch die Objektive verschiedener Hersteller stark voneinander.
Die Abweichungen sind zum Teil so gross, dass sie selbst ein Laie bei einem Direktvergleich sieht. Trotzdem ist es den meisten Zuschauern wohl egal , wie der Falloff eines Objektives ist, wie es sich bei Lensflares verhält oder wie das Bokeh aussieht – solange es die Geschichte nicht stört. Diese Merkmale verändern sich bereits bei unterschiedlichen Blendenöffnungen des selben Objektives, weshalb sowieso keine Konstanz existiert .
Ein Filmlook wird durch mehrere Faktoren wie Kostüme, Ausstattung, Licht, Framing, Kamerafahrten, Brennweiten, Blendenöffnung, Schnitt und am Ende ganz stark durch das Colorgrading bestimmt, das sollte man bei den Diskussionen über Objektive und ihren Look nicht vergessen.

WESHALB TESTEN?
Weil ich nie mit Material drehe, das ich nicht kenne. Zudem gibt es vor allem im Low-Budget- und Fotobereich viele Objektive, welche zwar eine CinePrime Bezeichnung haben, für Filmproduktionen aber überhaupt nicht geeignet sind. Wir hatten zum Beispiel Samyang Objektive zum Testen. Deren Distanzmarkierungen sind so ungenau, dass man damit unmöglich professionell arbeiten kann.
Meist lässt auch das Material und dessen Verarbeitung zu wünschen übrig. Die Objektive müssen sowohl bei grosser Hitze wie auch bei Kälte funktionieren. Selten kann es in Extremsituationen sogar mit guten PL Linsen Probleme geben. So geschehen beim Dreh von The Revenant von Kameramann Emmanuel Lubezki, ASC, AMC [Quelle: Cinematographer January 2016]. Die starken Temperaturschwankungen von bis zu 20 Grad innert wenigen Minuten haben den Master Primes so schlimm zugesetzt, dass die Schärfe nicht mehr auf Unendlich gezogen werden konnte. Zum Glück haben wir bei uns in der Schweiz keinen Chinook Wind, der solche Temperaturunterschiede verursachen kann. Völlig davor gefeit sind wir bei unseren Dreharbeiten in den Walliser Bergen aber auch nicht. Dort reicht es manchmal schon, wenn die Sonne verschwindet, um einen schnellen Temperaturabfall zu verursachen. Bisher haben sich die Sony Objektive aber hervorragend geschlagen. Focus und Blendenringe lassen sich auch bei höheren Minustemperaturen problemlos ziehen.

DER OBJEKTIV-TEST
In meinem Test habe ich die Sony CineAlta (SCL-PK6/M) Objektive mit den beliebten Cooke S4/i verglichen. Sony hat sich sicherlich vom mehrfach ausgezeichneten Cooke-Design inspirieren lassen. Weil die Cookes ausserdem zu den besten Linsen gehören, die auf dem Schweizer Markt erhältlich sind, fand ich sie als Vergleichslinsen ideal. Nicht ganz ideal sind die unterschiedlichen Brennweiten (21mm Cooke / 20mm Sony und 75mm Cooke / 85mm Sony). Deshalb und weil ich die Zeiss HS MKIII Linsen gerne mag, habe ich das 85mm auch mit der Zeiss Linse verglichen.
Die Testaufnahmen wurden nacheinander auf derselben Kamera (ARRI Amira) gemacht. Das einfache Colorgrading der Aufnahmen von beiden Objektiven ist identisch, es wurden keine Masken oder Secondaries verwendet. Da jedoch bei den T2.0 Aufnahmen die Bilder durch die ND Filter von Tiffen und die internen Filter der Amira einen leichten Grünstich bekamen, wurden diese Aufnahmen an die T5.6 angeglichen, aber auch hier bei beiden (Sony & Cooke) gleich.
Das Video hat keinen Kommentar oder Sound. Ich will die Aufnahmen für sich wirken lassen und eure Analyse nicht manipulieren. Meine Meinung zu den Sony Objektiven gibt es dann weiter unten.

VERARBEITUNG
Die Objektive sind solide verarbeitet und halten auch extremen Drehbedingungen Stand. Wir haben jedoch feststellen müssen, dass die Fokus-Markierungen eine leichte Abweichung zwischen der linken und der der rechten Objektivseite aufweisen. Das war ärgerlich, wir mussten alle Objektive neu markieren.

FARBSTICH
Im direkten Vergleich haben die Cookes eine leichte Farbverschiebung ins Grüne und die Sony Objektive in den Magenta-Farbraum. Diese Verschiebung lässt sich mit dem Vektorscope auch im Davinci Resolve sehr gut erkennen. Das ist kein Problem, solange man mit demselben Objektivsatz arbeitet, da beide Objektivsets untereinander konstant sind. Die Verschiebung lässt sich leicht direkt in der Kamera mit +/- green korrigieren. Dies ist übrigens auch eine einfache Lösung, um das Grün der ND-Filter noch vor dem Grading zu korrigieren.

BOKEH
Das Bokeh ist wohl das deutlichste Merkmal eines Objektives und lässt sich nicht so einfach in der Postproduktion kreieren wie Lensflares oder Vignetten. Nicht nur die Linse beeinflusst das Aussehen des Bokeh, sondern auch die Lamellen der Irisblende. Die Anzahl und die Form der Lamellen bestimmt, wie das Blendenbild aussieht.

BLENDENLAMELLEN

Sony 9
Cooke 8

Die SCL-PK6 Linsen produzieren mit ihren neun abgerundeten Lamellen meisten schöne runde Bokehs, die Cooke können hier mit ihren acht geraden Lamellen nicht mithalten: Ecken und manchmal sogar an eine Kreissäge erinnernde Zacken kommen zum Vorschein.

Cooke vs CineAlta

Ich persönlich mag das Cooke Bokeh sehr gerne. Es bringt diesen leichten Retrolook mit sich. Ob das Oktagon-Bokeh der Cooke für den Zuschauer nun ein Merkmal für Qualität ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Die Sony Objektive gehören ganz klar zum Look des Digital Cinemas. Die heutigen Fotoobjektive haben meist um die elf abgerundeten Lamellen und somit kreisrunde Bokeh. Denn im Allgemeinen gilt ein kreisrundes Blendenbild und somit das Sony Bokeh als unauffällig und angenehm.

Cooke vs CineAlta

Einzige Ausnahme ist für mich das 135mm, das bei offener Blende gegen den Rand hinaus starke Ellipsen bildet. Beim Cooke bleiben diese eher rund.

Cooke 135mm

Dies allerdings auch nur bei offener Blende. Sobald die Blende geschlossen wird, kommen beim Cooke sofort wieder die charakteristischen Oktagon-Bokeh zum Vorschein.

Sony 135mm

Allgemein hat mich das Sony 135mm vom Look, der Bildqualität und dem Verhalten bei Schärfenverlagerungen am wenigsten überzeugt. Gerade bei dieser Schärfenverlagerungen sind deutliche Unterschiede zwischen Cooke und Sony erkennbar und hier gefällt mir die Cooke eindeutig besser.

LICHTSTÄRKE & VIGNETTIERUNG
Mit der maximalen Blendenöffnung von T 2.0 kam ich bei den Dreharbeiten während der Dämmerung schnell an die Grenzen. Da hätte ich mir eine Blendenstufe mehr gewünscht.

Sony CineAlta Primes

Ausserdem vignettieren die CineAlta-Objektive bei offener Blende stärker als die Cooke. Die Vignette ist aber deutlich weicher und bereits bei einer Blende T 2.8 nicht mehr sichtbar. Beim 21mm und 25mm weisen die Cookes mit der Amira in UHD unschöne dunkle Ecken auf. Obwohl dies bei den Sony Linsen nicht der Fall ist, empfehle ich dennoch, die Linsen mit einer Blende von T 2.8 oder höher zu verwenden, da das Bild ab dieser Blende einfach homogener belichtet wird.

SCHÄRFE & VERZUG
Die CineAlta sind sehr weich, sie überragen die Cookes jedoch mit durchgehender Bildschärfe bis hin zum Rand. Die Cookes werden zum Rand hin zunehmend unscharf und sind meiner Meinung nach für 4K Aufnahmen ungeeignet. Bei beiden Objektivsets gibt es bis zur Brennweite 20mm resp. 21mm überhaupt keinen Verzug.

Sony CineAlta 20mm  SCLPK6

LENSFLARES
Die Cookes sind beliebt für ihre schönen Lensflares, aber auch die Sony Linsen müssen sich nicht verstecken. Focus Puller Andreas Schneuwly hat bei unserem Projekt zum ersten Mal mit den Sony Linsen gearbeitet. Wie ich war auch er von den Linsen und den schönen Lensflares sehr angetan.

GEWICHT in KG:

Brennweite 20mm* 25mm 35mm 50mm 85mm* 135mm
Sony 2.3 2.2 2.1 2.0 2.0 2.4
Cooke 2.0 1.6 1.9 1.5 1.75 2.25

Die CineAlta sind schwerer als die Cooke S4/i, aber immer noch viel leichter als die Zeiss Master Primes oder gar die Cooke 5/i. Das Gewicht spielt vor allem eine Rolle, wenn man die Objektive mit einem MōVI verwendet, da zählt jedes Gramm. Auch wenn die Sony Linsen ein stolzes Gewicht haben, reicht es für unser Setup mit der Alexa Mini und dem MōVI M15 gerade noch.

FRONT DURCHMESSER in mm:

Sony 114
Cooke 110

Die SCL-PK6 Serie besitzen mit 114mm zwar einen sehr grossen Frontdurchmesser, da die Objektive aber alle denselben haben, ergibt sich daraus kein Nachteil. Nur für das 2.5cm längere 135mm Objektiv muss das Kompendium angepasst werden. Schärfe- und Blendenring befinden sich bei allen sechs Linsen gleichweit vom Mount entfernt und ermöglichen so einen schnellen Objektivwechsel.

NAHFOKUSDISTANZ ab Objektiv in mm:

Brennweite 20mm* 25mm 35mm 50mm 85mm* 135mm
Sony 70 70 80 300 680 900
Cooke 85 64 170 330 584 564

SCHRAUBFILTER
Fünf der Sony Linsen verfügen über einen M 95mm Filter Mounting Screw für aufschraubbare ND- oder Clear-Filter. Doch gerade die 20mm, die ich häufig mit dem MōVI einsetze und bei der ich mir am ehesten einen aufschraubbaren Filter gewünscht hätte, hat kein Gewinde dafür. Was sich Sony dabei überlegt hat, ist mir ein Rätsel.

Alexa Mini MoVI M15 Sony Cine Alta Primes

FAZIT
Die Sony CineAlta SCL-PK6 Linsen sind unschlagbar im Preis/Leistungsverhältnis. Der weiche Falloff, die schönen Bokeh und Lensflares machen sie eigentlich zu einem Must-Have. Sie werden von der Branche definitiv unterschätzt. Zum einen, weil Sony den Fehler gemacht hat, die Linsen zuerst mit einem wirklich grauenhaften Plastikgehäuse auf den Markt zu bringen. Zum anderen, weil das Vorurteil, dass Sony Produkte einen unschönen digitalen Filmlook mit sich bringen, immer noch anhält. Doch genau so wenig, wie sich eine Sony F65 in der Bildqualität vor einer Alexa versteckenden muss, müssen es die CineAlta SCL-PK6 Objektive vor ihrer Konkurrenz. Am Ende kann man froh sein, dass eine starke Nachfrage der Objektiven ausgeblieben ist , so konnte der Preis um weit über 50% fallen. Ich empfehle die Objektive gerne weiter, nicht nur für Produktionen mit kleinem Budget.

DANK
Für ihre Unterstützung beim Test möchte ich Oliver Eberle (Eberlefilm), Sepp von Arx und Susanne Frei von Arx (Leuchtturm) herzlichst Danken, sowie meinen Assistenten Noman Tarar, Agota Dimen und Martin Wohlgensinger.

* Die Cooke Objektive haben die Brennweiten 21mm und 75mm.