Ein Luftschloss in Lettland

Anfang August drehte ich während sieben Tagen den Schwarz-Weiss-Kurzfilm “Luftschloss” in Riga, Lettland. Vier Wochen vor Drehbeginn kam Produzent Markus Fischer mit der freudigen Nachricht, dass uns das Bundesamt für Kultur (BAK) finanziell unterstützt und wir definitiv drehen können. Gerade noch rechtzeitig, um in Riga im Sprinttempo alle Vorbereitungen zu treffen.
Luftschloss
Das Team:
Einen Monat lang waren Olga Dinnikova (Regie), Thomas Kaufmann (Regieassistent) und ich (Kamera) in Riga, um mit der lettischen Service Produktion “Tasse Film” und Produzentin Aija Berzina den Kurzfilm vorzubereiten und zu drehen.
Es war nicht leicht, in Riga – der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas – so kurzfristig noch einen Dreh auf die Beine zu stellen. Die Stadt war beliebt wie noch nie: Vier Langspielfilme und unzählige Werbungen wurden gleichzeitig mit unserem Kurzfilm gedreht. Diese Produktionen haben uns nicht nur Material, sondern auch die erfahrenen Leute weggeschnappt, man musste also sehr viel selbst in die Hand nehmen und organisieren.

Der junge Chefbeleuchter Normunds Strasevskis war eine grosse Bereicherung für unser Team, ich verstand mich von Anfang an super mit ihm. Er und seine zwei Beleuchter setzten meine nicht immer einfachen Wünsche im Nullkommanichts um und kamen immer mit tollen Ideen und Vorschlägen.

Neben super Leuten in der Crew muss ich besonders Sofiaja Stavinskaya erwähnen. Die elfjährige Hauptdarstellerin könnte so manchen gestandenen Schauspieler an die Wand spielen. Es war grossartig, ihr beim Spielen zuzuschauen. Wir haben sie sofort ins Herz geschlossen.
Luftschloss_2
Die Kamera und das System:
Da ich den grössten Teil des Filmes mit dem Stabilisierungssystem MōVI M10 von Freefly Systems drehte, fiel meine Kamerawahl auf die RED Epic Dragon. Weil die Epic aber eigentlich zu schwer für das M10 ist, haben wir die leichten IDX Endura V-Mount Akkus verwendet. Zudem habe ich auf das schwere Kompendium verzichtet und stattdessen den RED Motion Mount eingesetzt. Über das Kamera-Menu lassen sich so die ND-Filter problemlos einstellen, was besonders praktisch für den Einsatz mit dem MōVI war, da wir das System nicht jedes Mal wieder ausbalancieren mussten, wie wir es beim manuellen Einsetzen und Entfernen von ND-Filtern hätten tun müssen.
Tom Keller und Sofiaja Stavinskaya
Der einzige Nachteil ist, dass man mit dem Motion Mount 1.6 Blenden verliert. Deshalb habe ich bei den Nachtszenen auf ihn verzichtet. Wenn wir bis in den Morgen hinein gedreht haben, war eine halbstündige Unterbrechung deshalb nicht zu vermeiden, wir mussten die Kamera auseinandernehmen und den Mount wechseln.

Das MōVI ist extrem vielseitig: Vom (beinahe) Handkameramodus bis zu einem fixierten und völlig stabilisierten Modus lässt sich alles einstellen. Das Schwierige als Operator ist, sich an den ständig wechselnden Modus zu gewöhnen. Die Weichheit der Bewegungen und der Winkel, ab wann das System meine Bewegung überträgt, lassen sich stufenlos einstellen. Es ist wahnsinnig hilfreich, wenn man sich drei, vier Einstellungen programmiert und immer wieder die gleichen abruft. So verliert man sich nicht in den unendlichen Möglichkeiten. Ich habe zum Beispiel eine Einstellung fürs Mitrennen, eine um aus dem Fahrzeug oder Boot zu filmen und zwei Varianten für ruhigere Handkamera-Szenen gespeichert und verwendet. So konnte ich mich voll und ganz aufs MōVI einstellen.
Tom Keller, Olga Dinnikova, Thomas Kaufmann
Der Hauptunterschied zu einer Steadycam, welche bloss senkrechte Bewegungen stabilisiert, ist, dass das MōVI die Kameraneigung stabilisieren kann. Die Auf- und Abbewegungen werden beim MōVI nicht durch das System, sondern den Operator reduziert, indem er es frei in den Händen trägt. Dies ist bei längeren Szenen körperlich unglaublich anstrengend. Deshalb erstaunt es mich nicht, dass man nun beginnt, die Steady und das MōVI zu kombinieren.

Der Dreh:
Wir drehten in den weniger bekannten, von Touristen gemiedenen Stellen der Stadt. Es gibt sehr viele arme und betrunkene Menschen in dieser Gegend, deshalb hatten wir manchmal Sicherheitskräfte, die zum Rechten sorgten. Meine Beleuchter liessen trotzdem keine Lampe unbeaufsichtigt, egal wie gross und schwer sie war und ob sie gerade brannte. Zu gross schien die Gefahr, dass sie gestohlen werden könnte – Sicherheitspersonal hin oder her.
Luftschloss_3
Während den sieben Drehtagen lief vieles nicht wie geplant, neben dem unberechenbaren Wetter und Locations, die aus verschiedenen Gründen kurzfristig gewechselt werden mussten, gab es ein Ereignis, das mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird:
Die Kamera in meinen Händen war über ein Koaxialkabel (BNC) mit einem defekten Monitor verbunden. Da die Steckdosen in alten Sowjetgebäuden keine Erdungen haben, der Monitor diese aber dringend benötigt hätte, kam es zur Erdung, als ich während des Takes mit dem Kochherd in Berührung kam. Ich war mitten drin und erlebte, wie es sich anfühlt, wenn 320 Volt durch einen schiessen. Mein Körper verkrampfte sich so stark, dass ich froh sein kann, die Kamera und nicht den Herd gehalten zu haben. Durchs Durchschütteln war ich nach nur einer Sekunde vom Kochherd weg und es floss kein Strom mehr. Wir mussten den fünften Drehtag dennoch beenden. Danach arbeiteten wir nur noch mit akkubetriebenen Monitoren weiter.
Luftschloss making of
So negativ das alles klingen mag, es war auch eine unglaublich spannende, intensive und tolle Zeit, an die ich gerne zurückdenke. Mit jedem Tag wuchs das Team enger zusammen und nach den sieben Tagen war es richtig schwer, Abschied zu nehmen.